Gran Canaria, 1. Januar 2016
Au weia. Da habe ich mir vielleicht was angetan. Vor
drei Stunden bin ich nach einer fast 12-stündigen Reise endlich in Gran Canaria
angekommen. Last-minute-Buchung, teurer als eine Reise nach Thailand. Direkt in
ein Riesenhotel in MASPALOMAS namens „Continental“ am Playa des Ingles. Und wie
der Name des Strandes schon vermuten lässt, wimmelt es hier auch von diesen
Inglesen, also Engländern. Leider hat die Regierung nicht gerade die erste Wahl
hierher geschickt – eher das Gegenteil. Dass ich aus dem ganzen Flieger der
Einzige sein würde, der in diesem Hotel gebucht hatte, hätte mir zu denken
geben müssen. Aber dafür war es ja eh zu spät. Doch der Reihe nach:
Nach einer viel zu kurzen Silvester-Nachtruhe holte
mich das vorbestellte Taxi pünktlich um halb neun ab. Die Autobahn war nahezu
autofrei, sodass ich schon sehr früh zum Einchecken im Terminal 2 ankam. Die
Leute, die mit mir flogen, waren der übliche Mix aus allen Alters- und
Sozialschichten. Nach zweieinhalb Stunden Flug mit der mir bis dahin völlig
unbekannten spanischen Fluggesellschaft „Air Europa“ bin ich dann erst einmal
in Madrid zwischengelandet. Zu essen gab es nichts – und auch die Getränke,
hier Wasser, mussten teuer bezahlt werden. Da ich außer einem viertel Brötchen
vom Vortag (der Brötchenbringer hat am 1. Januar traditionell frei) nichts
gegessen hatte, genehmigte ich mir ein 6-Euro-Bocadillo mit Tomaten und Käse,
schön warm gegrillt. Dann ging es weiter. Nochmal dreieinhalb Stunden bis Gran
Canaria. Die zweite Maschine war auch eine 737-800, aber ein ganzes Stück
neuer, was man daran sehen konnte, dass die aus den Gepäckfächern klappenden
LCD-Bildschirme schon das 16:9-Format hatten. Die erste Maschine hatte noch das
uralte 4:3-Fernsehformat, von dem ich mich schon lange frage, wie wir das
jemals gut gefunden haben...
Am Flughafen alles fein. Gefühlte 25 Grad, kein
Wind. Sogar mein Gepäck war da. Der Transfer zum Hotel gehörte zu den gebuchten
Reiseleistungen, und ich habe es endlich geschafft, dass mein Name vor dem
Ausgang von einem Abholer hochgehalten wurde. Nun gut, der Name war falsch
geschrieben, aber ich habe mich erkannt und muss den guten Willen durchaus
wohlwollend erwähnen. Dass das Taxi – ein alter, aber gut erhaltener schwarzer
Mercedes – allerdings am anderen Ende des Flughafens stand, war dann weniger
komisch.
Nach 30 Minuten brach leider alles zusammen: meine
Euphorie, eine Woche lang auf Gran Canaria zu faulenzen, meine Theatertexte zu
lernen und nebenbei noch ein bisschen zu arbeiten. (Denn wie immer hatte ich
natürlich mein mobiles Tonstudio im Koffer.) Ich hatte ja gar nicht Las Palmas,
sondern Maspalomas gebucht! Das kann im Eifer des Gefechts schon mal passieren,
weil bei meiner "Lastminute-Buchung" der Reisepreis von Minute zu
Minute stieg, bis ich dann irgendwann genervt auf "OK" geklickt habe.
Das Hotel: Ein alter, abgewrackter Kasten. Die Gäste: Noch älter und noch
abgewrackter. Ich hätte nie gedacht, dass ich durch mein Erscheinen den
Altersdurchschnitt signifikant senken konnte! Doch was soll ich schimpfen? Es
hat doch jeder ein Anrecht auf Urlaub (wenn er ihn sich leisten kann...), Sogar
ich. Und da muss man halt Kompromisse machen. Was man sich halt in so einem
Falle schön redet. Ich war müde und sicher nicht ganz fair in meiner
Beurteilung.
Nach dem Einchecken stieg ich in einen der drei
Fahrstühle, die für die 7 Stockwerke mit den insgesamt 452 Zimmern zuständig
sind. Und dort begegnete ich drei Engländern, die alle drei genauso aussahen
wie der bekannte hr1-Moderator Werner Reinke! Und sie sprachen auch genauso!
(allerdings auf Englisch). Sie hatten wohl eine „great week“ und würden morgen
wieder nach Hause fliegen. Davon war ich noch acht Tage entfernt.
Mein Zimmer – Nummer 301 – lag ganz am äußeren Rand
des Gebäudes. Vom Fahrstuhl mindestens zwei Minuten Fußmarsch. Sollte ich also
mal irgendwas im Zimmer vergessen, könnte das durchaus zu einer kleinen
Expedition werden. Das Zimmer: braun und grün und grässlich. An der Wand ein
LG-32-Zöller-TV der ersten Generation. Leider wurden die Fernsehsignale
irgendwo im Gebäude analog aufbereitet und gemultiplext, so dass das
Fernsehbild eine Katastrophe war. Immerhin gab es alle „wichtigen“ deutschen
Sender wie RTL und SAT 1. „Das Erste“ und das „ZDF“ habe ich dann weiter hinten
gefunden. OK, die Glotze bleibt kalt, auch wenn heute Til Schweiger den Tatort
zuballert. Fernsehen kann ich auch zu Hause. (Und den Tatort sowieso, habe ich
natürlich aufgezeichnet).
Positiv: Ein Tresor im Schrank. Negativ: Kostet
Extra. Noch negativer: Kein WLAN-Empfang. Ich bin dann also nach dem Auspacken
gleich wieder an die Rezeption, um dieses Manko mittels ein paar Scheinen
auszugleichen. Was den Tresor anging, war das mit 14 Euro schnell erledigt. Nur
mit WLAN gab es große Probleme. Im Hotel gab es ein kostenloses WLAN in der
Empfangshalle. Nur wenn das zufällig funktionieren sollte (was es mit meinem
iPhone nicht tat), konnte man auch eine kostenpflichtige Verbindung kaufen, die
dann auch auf dem Zimmer funktionieren würde. Der Empfangschef sagte
tatsächlich, dass das am iPhone läge und nicht etwa an den veralteten
WLAN-Geräten des Hotels. Das iPhone sei zu sicher, meinte er – und wäre daher
nicht kompatibel mit der Hotelanlage. Was Blöderes hört man selten. Das heißt
aber leider auch, dass weder mein iPad noch das mitgeführte MacBook Air
funktionieren würden. Mein obligatorischer Telekom-Internetpass „Europe“ für
2,95 Euro pro 50 MB war schon nach den ersten „What´s Apps“ wieder alle. Der
Urlaub wurde von Sekunde zu Sekunde teurer.
Jetzt aber endlich ins Restaurant! Ein Riesensaal
mit sehr feinen Speisen – da kann ich nun wirklich nicht meckern. Als
„All-Inclusive“-Reisender musste ich mir meine Getränke selbst holen (die
Bedienung hierfür war Exclusive...). Als Alleinreisender gab es nun das
Problem, dass jedes Mal, wenn ich vom Buffet zurückkam oder von der Weintränke,
mein Platz inzwischen von neuen Gästen besetzt war. Die fleißigen Bedienmädels
hatten immer ohne Nachfrage meinen Teller abgeräumt und neu eingedeckt. So bin
ich dreimal umgezogen, bis ich satt, bzw. undurstig war.
Danach das übliche Nachtprogramm. Ein Yamaha-Keyboard
(TYROS) mit blonder Frau dahinter bediente das Publikum im Freien auf einer
kleinen Bühne mit Hits, die man schon immer nie mehr hören wollte. Natürlich
spielte die TYROS die ganze Musik von alleine. Ich saß an der Seite und konnte
deutlich sehen, dass die Sängerin zwar fleißig auf dem Keyboard rumdrückte,
ohne allerdings jemals in die Nähe der richtigen Tasten zu geraten.
Zwischendurch gab es professionelle Kinderbespaßung. (Ja, es gab auch ein paar
Kinder. Vermutlich die Urenkel der Stammgäste.) Und obwohl es jetzt langsam
merklich kühl wurde, saßen die Damen und Herren Urlauber in Minikleidern und
kurzen Hosen auf den Alustühlen mit den Plastikschnüren, die es schon 1970 beim
Pellegrin in der Eisdiele gab. Die meisten Kleider auch.
Ich war zwischendurch mal in mein Hotelzimmer
gewandert, um den Safe zu füllen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich
verstanden hatte, dass die Anleitung zur Bedienung der Software in allen drei
Sprachen fehlerhaft war. Davon, dass man nach der Eingabe der Wunschkombination
noch die „Stern“-Taste drücken musste, stand nirgendwo ein Wort. Aber dank
meiner überragenden Intelligenz und der Wirkung des nunmehr dritten Weines ist
mir auch die Lösung zu diesem Rätsel eingefallen.
Und damit, bzw. dem vierten fünften Wein,
schließe ich jetzt die Berichterstattung für den Anreisetag ab. Möge alles
morgen besser werden. Vor allem: WO IST DAS MEER?
Gran Canaria, 2. Januar 2016
Ich habe das Meer gefunden. Wenn ich von meinem
Balkon schaue, kann ich es direkt sehen. Dass im Vordergrund noch ein paar
Straßen und Häuser den Blick versperren, vergisst man schnell. Es sind etwa 300
Meter bis zum Meer. Unsere Poollandschaft liegt auf der anderen Seite des
Hotels. Morgens leider noch im Schatten. Erst so nach und nach kraxeln die
Sonnenstrahlen über das Gebäude und wärmen die vielen mit Badetüchern belegten
Liegen.
Ich habe sehr gut geschlafen (der Wein hatte wohl
doch eine Wirkung...) und am Frühstücksbuffet nur gemäßigt zugeschlagen. Ich
hatte mir ja vorgenommen, in dieser Woche möglichst sportlich zu sein, Texte zu
lernen und viel zu lesen. Also bin ich nach dem Frühstück Richtung Meer
gelaufen. Da gibt es eine wunderschöne Strandpromenade am Playa des Ingles, die
nicht zu enden scheint. Ich bin etwa 2 Kilometer nach rechts gelaufen und dann
wieder zwei Kilometer zurück. Was sonst. Alle paarhundert Meter standen junge
Männer in besonderen Kostümen oder Aufmachungen rum, um für ihre Nichtbewegung
Trinkgeld einzuheimsen. Ein Charly Chaplin war da (gähn), ein völlig sandfarbener
Farmer (gähn, gähn) und der übliche Kopflose, der sich immerhin bewegte und mit
den Fußgängern sprach. Gut war nur einer: Eine Gestalt aus irgendeinem dieser
Harry-Potter-Filme, offenbar über dem Boden schwebend. Das war wirklich eine
nahezu perfekte Illusion. Er hielt sich lediglich an einer Eisenstange fest,
die mit einer großen Grundplatte verschweißt war. Ganz sicher keine leichte
Nummer für den Artisten. Oder anders gesagt: Schade um die Energie, die der
Junge da in diese Illusion gesteckt hatte.
Ich lief weiter. Die Sonne umschmeichelte meine
blasse, Vitamin-D-süchtige Haut, und meine Beine taten so, als wäre ich schon
immer der große Läufer vor dem Herrn. Jedenfalls auf dem Hinweg. Zurück war es
schon ein wenig schmerzhaft. Wobei mir auffiel, dass im Hotel eine Menge Leute
Probleme mit dem Laufen hatten. Und zwar nicht nur die Alten und Siechen, denen
man das ja ohne weiteres abnahm, sondern auch die noch einigermaßen Intakten,
die eigentlich noch ein brauchbares Fahrgestell haben sollten. Egal, nach
meiner Mega-Wandertour habe ich mich noch ein bisschen in die Lobby gesetzt, um
vielleicht doch noch ins WLAN zu kommen. Außerdem musste ich ja Text lernen.
Text für einen Agatha-Christie-Krimi, den ich im März spielen werde. Das mit
dem WLAN hatte erstmals erstaunlicherweise geklappt! Es gelang mir, den
aktuellen Spiegel in nur 33 Minuten auf das iPad runterzuladen! (Zuhause dauert
das 2 Minuten...). Das mit dem Textlernen klappte auch ganz gut. Ich bin jetzt
auf Seite 11. Mal sehen, was ich morgen früh davon noch weiß.
Draußen am Pool war es recht warm, und in der Lobby
war es recht kalt. Ich brauchte eine neue Aufgabe!
Nach dem Mittagessen beschloss ich, ein großes
Einkaufszentrum aufzusuchen, in dem es sicher einen Hotspot für meine Geräte zu
kaufen gäbe. (Das ist so eine Art WLAN mit Telefonkarte...) Da meine Knie den
gut doppelt so weiten Weg wie heute Morgen nicht laufen wollten, nahm ich mir
ein Taxi. Erstaunlich günstig (3,20 Euro) fuhr mich eine nette Spanierin an den
Eingang des Mammutzentrums. Auf vier Ebenen gab es Tausende von Läden, meist
Klamottenshops oder Restaurants/Kneipen. Es wollte einfach nicht enden.
Irgendwo kaufte ich eine SIM-Karte mit 5 Gigabyte Datenvolumen. Das sollte für
den Urlaub reichen. Auf dem spanischen Festland hatte das vor ein paar Wochen
noch 35.- Euro gekostet – hier hat man mir dafür 49.- Euro abgeknöpft. Egal.
Danach wollte ich eigentlich wieder zurück ins Hotel, aber ich habe den Ausgang
nicht gefunden! Kein Witz! Ich bin ständig wieder an dieselben Läden geraten,
die ich schon gesehen hatte. Irgendwann blieb ich bei einem Italiener sitzen
und orderte ein Glas Weißwein. Genau gegenüber war ein SPAR-Supermarkt. Was da
so abging, war Kino vom Feinsten und durchaus einen Oscar wert. Es waren sogar
einige Bewohner meines Hotels dabei. Leider habe ich danach immer noch nicht
aus dem Labyrinth rausgefunden. Irgendein Ladenbesitzer gab mir dann den
entscheidenden Hinweis. Auf dem Weg dorthin landete ich wieder in einem
Telefonladen. Und oh Wunder! Hier hatte man einen völlig überteuerten Hotspot
für mich! 130.- Euro wollte ich aber dafür nicht ausgeben. Also habe ich mich
für erneute 49.- Euro auf einen USB-Stick eingelassen, in den ich meine neu
erworbene SIM-Karte stecken könnte. Dann müsste das MacBook endlich
internetfähig sein!
Dass dem nicht so war, habe ich nach der Heimfahrt
gemerkt. Der Stick war aus dem Jahr 2010 und ließ sich im MacBook Air nicht
installieren. „Datei unvollständig oder defekt!“ meldete der Computer. So langsam
packte mich der Ehrgeiz. Dann muss ich das MacBook eben mit dem iPhone über
BlueTooth koppeln! (Wer jetzt nicht mehr mitkommt, kann den Rest dieses
Absatzes gerne überspringen!). Aber auch das ging nicht! Das iPhone meldete,
dass das nagelneue MacBook Air nicht mit dem nagelneuen iPhone 6S kompatibel
sei. Ja, was soll das denn??? Ist denn die ganze Welt gegen mich? Apple,
übernehmen Sie! (Der Hilfeschrei wurde erhört. Irgendeiner meiner Leser muss
bei Apple Druck gemacht haben: einen Tag später klappte die
BlueTooth-Verbindung plötzlich!)
Im Hotel waren viele Rentner inzwischen gegen
russische Großfamilien ausgetauscht worden. Alle Männer waren tätowiert, und
alle Frauen sahen aus, als müssten sie noch zu einem Karnevalsumzug, bei dem
das Motto lautete: „Wer hat den größten Ausschnitt?“. Das Abendessen war einen
Tick schlechter als gestern. Wenn der Wein so trocken wie der Fisch und das
Gemüse so warm wie der Kellner gewesen wäre, hätte man darüber wegsehen können.
Eine Bühnenshow hatte man sich für heute erspart – nur ein einsamer Discjockey
legte die immer selben CDs wie seit Jahren auf. In der hoteleigenen Spielhölle
spielte man Billard und Tischtennis, und an der Bar und im Garten saßen die
Sonnenhungrigen, die kostenlosen Getränke in sich hineinschüttend.
So wie ich, der sich seinen dritten Wein holte und
sich dann dem Lesen des aktuellen „Spiegel“ widmete. Man muss Prioritäten
setzen.
Gran Canaria, 3. Januar. 2016
MUSKELKATER!!!
Das kommt davon, wenn man sich von der Apple-Watch
ködern lässt. „Ziel erreicht!“ – „Neue Bestleistung!“ – „Weiter so, Rainer“
steht da dauernd auf dem Display. Was mein Körper dafür leisten muss, weiß die
doofe Uhr natürlich mal wieder nicht. Ich habe ein gutes Dutzend Blasen an den
Füßen und fühle mich zehn Jahre älter. Wenn ich loslaufe, würde man mich sicher
am liebsten erschießen, um mir die Qualen zu erleichtern. Nach ein paar Metern
geht es dann meistens besser, aber ein bequemes Fortkommen sieht anders aus.
Vielleicht leihe ich mir morgen so ein Elektrofahrrad, das gibt es hier an
allen Ecken und Enden. Oder vielleicht doch gleich ein Auto? Oh Mann, ich weiß
nicht, wie lange mich die Apfeluhr noch motiviert, mir so den Rest zu geben...
Es fing nach einem schönen Frühstück so gegen halb
zehn mit dem obligatorischen „Lauf“ (=gemütliche Gehung) entlang der
Strandpromenade an. Diesmal in die andere Richtung, die den Nachteil hatte,
dass man hier tausende von Treppen steigen musste. Für Rollstuhlfahrer gibt es
auch einen barrierefreien Rollweg, aber der ist noch anstrengender als die
Treppenstufen (wenn man keinen Rollstuhl hat).
Ich gebe zu, diesmal nicht ganz so weit wie gestern
gelaufen zu sein. Der Kalorienverbrauch war aber dennoch höher. Am Wendepunkt
meiner Strecke setzte ich mich in ein Strandcafé und bestellte ein „Aqua con
gas“, also ein Mineralwasser mit Sprudel, was man hier sehr selten findet. Das
englische Paar am Nachbartisch war da schon eine Stufe weiter: Jeder hatte
bereits zwei große Biere und einen Pernod intus. Die waren morgens um 11 schon
in einem Zustand, den ich selbst hoffentlich nie (mehr) erreichen werde.
Dann wieder zurück ins Hotel. Der Stadtteil, indem
ich wohnte, gehört zu den eher älteren Teilen der Stadt. Das kann man daran
sehen, dass die damals üblichen Waschbeton-Bausteine die Grundlage vieler
Straßen und Wege bilden, schön zugeklebt mit jahrzehntealten Kaugummis. In den
neueren Teilen von Las Palmas scheinen Kaugummis verboten worden zu sein.
Leider kam ich nicht mehr in mein Zimmer. Der hochmoderne
Magnetschlüssel hatte ein wenig mit meinem iPad geknutscht und dabei sämtliche
Informationen verloren. An der Rezeption („Sind Sie Herr Eckart?“ – „Von mir
aus auch der“) wurde mir die Karte neu programmiert. Aus purer Langeweile und
wegen der schmerzenden Waden habe ich den „Spiegel“ dann eben fertig gelesen.
Zum Mittagessen fehlten nur noch wenige Minuten, die ich durch die hoteleigenen
Geschäfte schlurfte. Die üblichen Läden mit den überteuerten Handtüchern,
Bikinis und Badehosen halt. Nicht einmal die BILD am Sonntag wollte ich mir
kaufen. (Das wäre ohnehin das erste Mal in meinem Leben gewesen!).
Essen gut –Trägheit immer größer. Nach einem
kleinen Nickerchen bin ich dann wieder zu dem Einkaufszentrum gelaufen. JA,
GELAUFEN! Bei 3,20 Euro Taxe konnte das ja nicht so weit gewesen sein. War es
leider doch, weil ich in die verkehrte Richtung gelaufen bin. Hätte ich mal
Google-Maps aktiviert! 15.00 Uhr, 25 Grad im Schatten und bergauf. Irgendwann
konnte ich nicht mehr widerstehen und hielt ein Taxi an. Natürlich hatte ich
keine Ahnung, wie das Einkaufszentrum von gestern hieß, beschrieb dem Fahrer
aber so gut wie ich konnte, wohin ich wollte. Der fuhr mich dann schön weit
raus aus der Stadt, bis ich protestierte. Wir waren ein bisschen „Lost in translation“,
aber letztendlich hat er mich dann doch für 8 Euros am richtigen Zentrum
abgesetzt. Es heißt übrigens „JUMBO“, falls ich das nochmal vergessen sollte.
Ich hatte ja mit dem indischen Verkäufer des
USB-Sticks noch ein Hühnchen zu rupfen. Um zu beweisen, dass sein Schrott-Stick
aus dem Jahre 2010 auf dem neuen MacBook Air nicht funktionierte, hatte ich
selbiges mitgenommen. Sehr schnell holte er ein Alternativmodell aus dem Lager,
das angeblich perfekt funktionieren würde. So perfekt wie das von gestern? Wohl
kaum. Zunächst (und hier kann der unwissende Leser wieder ein Stück
vorspulen...) verlangte das MacBook, dass man einen früheren JAVA-Treiber
installieren müsste. Dazu braucht man natürlich das Internet, was man ja gerade
eben nicht hatte. Der Bilderbuch-Inder mit seiner vollschwarzen Perücke und
Extremschnupfen tippte daraufhin sein WLAN-Passwort in meinen Rechner und
ermöglichte so den Download der fehlenden Treiber. Natürlich ging es dann immer
noch nicht, weil man nirgendwo die SIM-Karte, die ich gestern gekauft hatte,
aktivieren konnte. Selbst mit seiner eigenen SIM-Karte klappte das nicht. Blieb
also nur noch Plan D, der eigentlich Plan A war: Der Kauf des mobilen Hotspots.
Das klappte zwar auch nicht mit meiner neuen 5 Gigabyte-Simkarte, aber mit
einer 1,6 GB-Karte von Vodafone, die er mir dann auch noch verkaufte.
Um dieses MacBook Air ans Netz zu kriegen, hatte
ich inzwischen über 200 Euro verpulvert. Es ist natürlich eine
Investition in die Zukunft, denn das Ding kann man ja überall auf der Welt
gebrauchen. (Wenn es mal wieder kein WLAN geben sollte, was ich außer auf Gran
Canaria – und hier auch nur in meinem Hotel – noch nie erlebt habe).
Ich nutzte die Gunst der neuen Technik und änderte
endlich das Passwort für den internen Bereich unserer Volksbühnen-Webseite.
Außerdem konnte ich die beiden ersten Blogberichte ins Netz stellen. Dies alles
erledigte ich wieder bei dem kleinen Italiener vor dem Spar-Markt bei einem
Strawberry-Mojito. (Der Wein kam mir inzwischen aus den Ohren raus...)
Zurück bemühte ich wieder einen der günstigen
Taxichauffeure. Und nach dem bald beginnenden Abendessen war es auch schon
wieder Zeit, die wenig interessanten Ereignisse des Tages zusammenzufassen.
Während die Hotel-Animateure am heutigen Sonntag frei hatten, gab es auf der
Showbühne am Abend eine positive Überraschung. Zwei sehr hübsche dunkelhäutige
Mädels und ein weißer Saxophonist boten ein tolles Showprogramm zur
Musikkonserve. Sehr schön getanzt, fehlerfrei gesungen und gespielt, haben die
drei den Abend doch noch zu einem positiven Ende gebracht.
Trotzdem muss ich mir so langsam mal Gedanken
machen, was ich hier soll.
Gran Canaria, den 4. Januar 2016
Dieser Tag musste anders werden! Und er wurde
anders! Wenigstens ein bisschen anders...
Nach dem Frühstück wollte ich wieder meine Runde
drehen. Die bereits lädierten Muskeln haben sich aber geweigert, meinen
Luxuskörper wieder über größere Entfernungen zu tragen. Außerdem plagte mich
seit gestern Abend eine sehr unangenehme Verletzung am rechten großen Onkel:
Eine Nagelbett-Entzündung wegen übertriebener Fußhygiene! Ich dachte, ich hätte
sie überwunden, aber diese Marathon-ähnlichen Laufstrecken haben die Entzündung
wieder aufleben lassen. Bei der kleinsten Berührung des Zehs könnte ich jaulen!
Also bin ich spontan in einen Bus gestiegen, der
mich nach LAS PALMAS, die Hauptstadt der Insel, bringen sollte. Und nicht nur
das: Das Ticket beinhaltete auch noch eine Hop On-Hop Off-Tour mit einem
Doppeldecker-Bus daselbst. Der Zubringerbus war leider völlig überfüllt, so
dass ich die ca. 40 Minuten stehen musste. Immer noch besser als laufen. Der
Weg war toll ausgebaut. Eine fast durchgängig sechsspurige Autobahn brachte uns
mit mehr als dem erlaubtem Tempo schnell ans Ziel. Sollte der Bus einen Unfall
haben, wären wir allerdings kaum rausgekommen: Die ganzen Metallhämmer zum
Zertrümmern der Fensterscheiben waren geklaut worden. Sowohl in dem Bus auf der
Hinfahrt als auch in einem anderen Bus auf der Rückfahrt. Dort fehlten
teilweise sogar die Halterungen. Man muss sich manchmal schon fragen, wie blöd
ein Mensch maximal sein darf, um solchen Unsinn zu verzapfen.
Egal, ich kam heil an und humpelte dann erst einmal
von der Busstation aus der Tiefgarage ins Freie. Der Abfahrtsort für den
Sightseeing-Bus war aber leider auf der anderen Straßenseite. Wenn mich ein
Taxifahrer nicht zurückgehalten hätte, wäre ich glatt über die 8-spurige
Hauptstraße gelaufen. Das war aber verboten, weil die
Überlebenswahrscheinlichkeit gegen Null gegangen sein dürfte. Also wieder über
die lange, lange, sehr lange Treppe in den Keller, um auf der anderen Seite
wieder genau so viele Stufen nach oben zu kraxeln. Das sind Schmerzen, von
denen ich noch lange erzählen werde...
Die Tour kostete inklusive der Zubringerfahrten
25.- Euro, was nicht gerade ein Schnäppchen ist. Der Bus kam gerade an, als ich
die oberste Stufe der Treppe erstiegen hatte. Jetzt weiß ich, wie einem
Bergsteiger zumute sein muss, wenn er sein Etappenziel erreicht hat. Zum Glück
wartete der Bus solange, bis ich - mit meinem Ticket winkend - noch mitgenommen
werden konnte. Diese Hop On- Hop off-Busse gibt es ja auf der ganzen Welt. Sie
zeichnen sich dadurch aus, dass man auf dem Oberdeck unter freiem Himmel sitzt
und von dort alles viel besser sehen kann. Außerdem macht man manchmal
Bekanntschaften mit der heimischen Fauna. Drei oder vier Palmenwedel klatschten
mir ins Gesicht, ohne allerdings bleibende Schäden zu hinterlassen. Hoffe ich.
Leider gab es keinen "live"-Führer,
sondern nur einen Audiokommentar über Kopfhörer - immerhin in deutsch. Der
Sprecherkollege, der die Aufnahme verzapft hatte, war leider kein Profi, obwohl
er eine angenehme Stimme hatte. Aber wie Ihr ja alle wisst, reicht das nicht.
Es gibt auch so etwas Wichtiges wie die richtige Aussprache der Wörter. Davon
war er leider meilenweit entfernt. Auch bei vielen spanischen Begriffen war
seine Trefferquote recht gering. Egal, man verstand ja trotzdem, worum es ging.
Nein, eigentlich doch nicht. Zu allem Überfluss war der deutsche Text auch noch
extrem umständlich, grammatikalisch verwegen und sachlich manches Mal schlicht
falsch. Ich muss die Geschichte von LAS PALMAS heute Nacht nochmal googeln. Es
ist nämlich eine wunderschöne Großstadt mit einem sagenhaften Klima - angeblich
soll es hier die beste Luft der Welt geben. Das gilt allerdings nicht für die
Sightseeing-Plattform dieses Busses, dessen Dieselgestank ungefiltert unsere
Nasen reizte.
Apropos Diesel: Der günstigste Literpreis lag
bisher bei 73,9 Cent!
Um 13.00 Uhr sollte es eine geführte Fußrunde in
die Altstadt geben. Ich traute meinen Beinen, bzw. Füßen diese Tortur
inzwischen wieder zu, musste aber im Bus bleiben, da der Ausflug heute wegen
Krankheit des Führers ausfiel. Na gut - wer weiß, ob ich das überlebt hätte.
Und dann war ich nach ca. einer Stunde und 45
Minuten schon wieder an der Startposition der Tour. Ich hatte völlig vergessen,
"Off" und "On" zu hopsen. Eine weitere Runde wollte ich
nicht wagen, weil die Tour doch im Wesentlichen durch verstopfte Innenstraßen
führte. Die paar Straßen etwas außerhalb und oberhalb des Zentrums machten den
Ausflug trotzdem sehenswert. Natürlich waren es auch hier immer noch 25 Grad,
so dass der Fahrtwind für eine angenehme Kühlung sorgte. Mangels Kopfbedeckung
wäre auch ein Sonnenstich drin gewesen.
Ich quälte mich wieder in den Keller zu den
Regionalbussen und konnte nur zwei Minuten später einsteigen, um die Heimfahrt
nach Maspalomas anzutreten. Der Bus fuhr auch schön an meinem Hotel vorbei,
ohne allerdings stehen zu bleiben. "Na gut", dachte ich bei mir,
"sicher macht er erst noch den einen oder anderen Schlenker, bevor er
wieder zu dem Busbahnhof direkt neben dem Hotel fährt." Der Mensch
denkt, aber der Busfahrer lenkt. Etwa zwanzig Minuten später hielt er weit
draußen vor Maspalomas an seiner Endstation. Da half mal wieder nur ein Taxi,
dass dank der günstigen Spritpreise auch nur 5.95 Euro bis zum Hotel kostete.
Im Hotel musste ich dann erst mal was arbeiten. Wie
immer war ich ja mit Wavelab, Laptop und Mikro ausgestattet, um meinen Kunden in
aller Welt auch aus aller Welt deren Wünsche zu erfüllen. Heute waren es
nur drei Stationvoice-Ansagen für den MDR. Nach dem Start des Audioprogramms
"WAVELAB" war mir auch schnell klar, was ich zuhause liegen gelassen
hatte: Den USB-Stick mit der Programmlizenz. Und ohne diesen Stick geht mal gar
nichts. Also habe ich mir das kostenlose amerikanische Alternativprogramm
"Audacity" für den MAC heruntergeladen, das zwar nur einen Bruchteil
davon leistet, was mit WAVELAB der deutschen (!) Firma Steinberg möglich ist,
aber für eine simple Sprachaufnahme doch seinen Zweck erfüllt. Dank meines
neuen WLAN-Hotspots klappte das alles ganz wunderbar. Ich weiß jetzt schon, wer
im Februar im "Sonntagsbrunch" auf MDR 1 Radio Sachsen zu hören sein
wird! Ja, wir Medienleute sind doch dem Plebs weit voraus... (Eh mir jetzt
jemand blöde Mails schreibt: das war satirisch gemeint!!)
Irgendwie war mein Tatendrang dann immer noch nicht
befriedet. Seidenheiß fiel mir zum Glück ein, dass ich ja auch zum Text-Lernen
hierher geflogen war. Die ersten 34 Seiten des Stücks rede ich fast alleine.
Also ab ins Foyer und Text lernen. Eine gute Stunde Lernen katapultierte mich
bis auf Seite 21. Mit berechtigtem Stolz das Abendessen eingenommen.
Später gab es dann wieder die übliche
Abendunterhaltung. Diesmal war es ein Sänger mit Gitarre, der sattsam bekannte
Rocktitel zur Karaoke-Musik abspulte. Ob die Gitarre wirklich eingeschaltet
war, wage ich zu bezweifeln. Aber einigen Hooligans aus England gefiel die
Show. Die Drinks flossen im Sekundentakt. Als der Bub Feierabend machen wollte,
hätten sie ihn fast gelyncht. Er musste drei Zugaben geben. Gewiss ein
Highlight seiner Karriere.
Und nachdem ich das alles hier aufgeschrieben
hatte, wurde mir klar, dass eigentlich auch an diesem Tag nichts Besonderes
passiert war. Warum fahre ich überhaupt weg? Warum fahren wir alle immer wieder
weg? Im Moment sind meine Schwestern Anna-Karén und Angelika und mein Bruder
Wolff in SEVILLA (Spanien), mein Sohn Benjamin in THAILAND und meine Ex-Frau
Eva in URUGUAY. Klar, man will was Neues sehen, neue Eindrücke in sich
aufsaugen, Land und Leute kennen lernen, Bekanntschaften schließen und seinen
Horizont erweitern.
Dann hätte ich allerdings woanders hinfahren müssen.
Denn in MASPALOMAS sehe ich nur Menschen, die unter sich bleiben wollen, mit
ihren unförmigen Körpern die Sonne beleidigen oder mit der Einnahme unzähliger
Kalorienbomben ihre Körper weiter verformen möchten. Die (fast) weltweiten
Grenzöffnungen ermöglichen zwar (fast) jedem, (fast) überall hinzufliegen, aber
für die Kommunikation untereinander reicht es dann doch nicht. Selbst die doch
sehr einfache englische Sprache wird im Wesentlichen nur von den Engländern
beherrscht. Die Versuche, sich untereinander verständlich zu machen, sind in
diesem Hotel zu einem grandiosen Scheitern verurteilt. Babylon lässt grüßen.
Vielleicht sollte ich doch mal den Fernseher
einschalten?
Gran Canaria, 5. Januar 2016
Klang alles ein bisschen depressiv gestern, oder?
Nur weil ich bis heute maximal zehn Sätze mit anderen Menschen gesprochen habe?
(Inkl. Hotelpersonal...)
Aber es geht bergauf! Mein Muskelkater hat
beschlossen, das Weite zu suchen. Ich kann wieder laufen! Und das habe ich dann
gleich nach dem Frühstück auch gemacht. Erst einmal wieder nach rechts am
Strand entlang, dann aber mutig in die Innenstadt, um diesmal das
JUMBO-Einkaufszentrum tatsächlich mit eigenen Füßen zu erreichen. Es ist mir
gelungen! (Dass ich dazu Google Maps einschalten musste, wollen wir hier jetzt
mal peinlichst verschweigen.)
Ich hatte das mir bekannte Ziel gewählt, weil ich
dringend mein Äußeres den kanarischen Gebräuchen angleichen musste. Hier läuft
nämlich jeder Mann mit kurzen Hosen und T-Shirts oder Polos rum. Ich hatte dem
Wetter nicht getraut und war nur mit langen Hosen und langärmligen Hemden
angereist. Die Preise in dem Zentrum waren zwar ganz normal (nicht so
günstig wie in der Türkei), aber akzeptabel. Außerdem war alles echte
Markenware - nicht nur ein gefälschtes Etikett dran. In einer knappen Stunde
erstand ich so drei Hemden und drei kurze Hosen. Mit der damit verbundenen
Rumlauferei hatte ich mein Bewegungsziel bereits VOR dem Mittagessen erreicht,
wie ich auch gleich stolz über Facebook verkündete. Die doofen Kommentare
meiner "Freunde" spare ich mir jetzt hier. Es waren immerhin über
sieben Kilometer!! VOR dem Mittagessen!
NACH dem Mittagessen sah ich dann auch keine
größere Notwendigkeit, weitere Wandertouren zu unternehmen. Ich setzte mich in
meinem neuen Outfit einfach irgendwo rund um den Pool und döste vor mich hin,
den einen oder anderen Kaffee oder Wein schlürfend. Gegen drei fingen sie
wieder mit diesen überflüssigen Poolspielen an, diesmal BINGO. Das erinnerte
mich an ca. 45 Jahre früher als ich selbst noch dieses Spiel aus Zypern
mitgebracht hatte und als DJ in den Bad Homburger Discos mit den Leuten
spielte. Leider wurden hier die Zahlen einfach nur dreisprachig runterleiert.
Es war auch kein Original Bingo-Spiel, sondern eine abgespeckte Version mit nur
drei Zeilen á 5 Zahlen. Gewinnen konnte man eine Flasche Wein - und wenn es
mehrere Gewinner gab, mussten die Sieger etwas vorsingen. Der schlechteste hat
dann gewonnen. Schon aus diesem Grund habe ich nicht mitgespielt, denn singen
wollte ich auf keinen Fall.
Als sich die Sonne dann so langsam verabschiedet
hatte (es waren heute schon wieder 25 Grad!), habe ich auf meinem Balkon noch
ein bisschen Text repetiert. Leider hatte ich alles vergessen, was ich gestern
gelernt zu haben glaubte. Irgendwann klappt das aber noch, da bin ich mir ganz
sicher. Bin jetzt auf Seite 25.
Tja, und dann war es schon wieder Zeit für´s
Abendessen. Doch welche Enttäuschung! Obwohl ich doch jetzt endlich so gekleidet
war wie alle Touristen in MASPALOMAS, ließ man mich nicht ins Restaurant.
Abends nur mit langen Hosen! Das war mir vorher gar nicht aufgefallen. Ich
hätte mir auch mal die Männer anschauen müssen. Bei den Damen reichte ja wohl
irgend ein Fummel mit porno-verdächtigem Ausschnitt. Egal, bin ich eben nochmal
den langen Weg zurück in mein Apartment gelaufen und habe mich wieder so
angezogen wie all die Tage zuvor. Das Abendessen selbst war wie immer - außer,
dass neben mir diesmal zwei sächsische Omas saßen. Als die eine der beiden
davon anfing, die Kaffeesahne mit Muttermilch zu vergleichen und ihre
diesbezüglichen geschmacklichen Erfahrungen detailliert darzustellen, habe ich
das Weite gesucht.
An der Bar habe ich einen Automaten entdeckt, der
uns "AI-Touris" ("All Inclusive"-Touristen) sogar
Longdrinks spendiert. Wodka mit O-Saft zum Beispiel. Nur ist der Orangensaft
dermaßen überzuckert, dass schon beim Nippen Diabetes-Alarm droht. Ansonsten
stimmt die Mischung. Mehr als drei Stück sollte man nicht trinken.
Ein Finne, der das offenbar noch nicht wusste,
sorgte dann auch noch für ein wenig Ärger. Die Abendbespaßung bestand diesmal
aus einer recht kurzen Papageienshow und einer sich daran anschließenden
Turnübung einer älteren Dame, die irgendwas auf der Stirn balancieren konnte.
Ich fand das alles nicht so prickelnd und wollte an einem der beiden
Flipperautomaten ein paar Spiele spielen. Meinen Laptop legte ich solange auf
dem nicht benutzen Flipper ab. Dann kam dieser betrunkene Finne mit seinem Jungen
und brüllte mich in deutsch an, ich solle "mein Gerät" da wegnehmen.
Das habe ich auch sofort gemacht, und die Sache wäre eigentlich erledigt
gewesen, wenn er mich nicht danach noch weiter angebrüllt hätte: "Wo sind
die 6 Millionen Juden?". Ich dachte, ich hätte mich verhört und starrte
ihn fragend an. "Wo sind die 6 Millionen Juden, Du Nazi?",
wiederholte er. Da war es wohl mal an der Zeit, Tacheles zu reden.
"Erstens habe ich mit dieser ganzen Scheiße nichts zu tun und zweitens ist
Ihr Benehmen unmöglich." Das ging so eine ganze Zeit hin und her. Die
Worte wurden schon ziemlich heftig und die Lautstärke sowieso. Das Kind des
Finnen, vielleicht 8 Jahre alt, stand irritiert zwischen uns. Als dann mal kurz
Ruhe war, spielte der Junge sein Spiel. Als er fertig war, brüllte der Finne
wieder von vorne. "Wo sind die 6 Millionen Juden?". Ich fand es
an diesem Punkt angebracht, einfach nicht mehr zu reagieren. Eine Schlägerei
hätte ich nicht überlebt. Und mit Worten konnte ich diesen peinlichen Rassisten
erst recht nicht schlagen. Ich schüttelte also nur den Kopf und spielte weiter.
Immerhin hatte ich 2 Euro in das Flipperspiel investiert. Irgendwann kam er
dann wieder vorbei und hat sich aus heiterem Himmel entschuldigt. Sein Deutsch
wäre nicht so gut. Er entschuldigte sich dann noch ca. zwanzig Mal, auch später
an der Bar, als ich gerade dieses Erlebnis aufschrieb. Den 30 Sekunden zuvor
bestellten Drink dazu trank er auf Ex.
So, und damit ist wohl so langsam der Zustand
erreicht, den man "Urlaub" nennt. Die ganzen Mails, die ich heute
bekommen und beantwortet habe, die paar kleinen Sprachaufnahmen und Telefonate
habe ich schon gar nicht mehr erwähnt. Alles zusammen war es ein rundum
langweiliger und überflüssiger Tag. Wenn ich jetzt noch jemanden gefunden
hätte, mit dem ich auch noch reden hätte können (außer über 6 Millionen
ermordete Juden), wäre es ein perfekter Tag gewesen. Aber das Leben besteht ja
aus lauter kleinen Baby-Schritten...
Gran Canaria, 6.1.2016
So, wenn das kein Urlaubstag war! Nix gemacht. Nix
gearbeitet, nur dumm in der Sonne rumgesessen und relaxt.
Na ja, nicht ganz.
Nach der gestrigen Beinahe-Schlägerei hatte ich ja
schon Angst, dem Finnen, der eigentlich wie ein Russe aussah, wieder zu
begegnen. Und das blieb tatsächlich nicht aus. Gleich früh am Morgen kam er
mir auf meinem Gang entgegen, als ich zum Frühstück wollte. Er erkannte mich
sogar und sagte ordentlich „Guten Morgen“. Seinem gequältem Gesicht sah man
allerdings an, dass er sich nicht besonders wohl fühlte. Im Laufe des Tages sah
ich ihn dann noch weitere drei Male, ohne dass wir allerdings weiter in
irgendeiner Form miteinander kommuniziert hätten.
Überhaupt sieht man hier jeden Gast immer wieder.
Rund um die Uhr. Beim Frühstück, beim Mittagessen, am Pool, an der Bar, vor der
Showbühne oder sogar im Einkaufszentrum. Es ist eine kleine Welt, ein
irritierendes Abbild der großen, der wirklichen Welt. Selbst hier im Urlaub
gibt es Krisen, Ressentiments und Abgrenzungen zwischen den Menschen. Unter dem
Deckmantel des Urlaubs versuchen viele, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
Und ehe man an der Oberfläche kratzt, bleibt man lieber unter sich und seinen
eigenen Problemen.
Ich bin ja wahrhaftig nicht der einzige Single
unter den Gästen. Es sind rund ein Dutzend Soloreisende, die dadurch auffallen,
dass sie alleine an ihren Zweiertischen sitzen. Interessant auch, dass diese
Herrschaften und Damenschaften gerne die Tische wählen, die etwas erhoben vom
Rest des Speisesaals sind und so einen guten Überblick über die Gäste erlauben.
Nachdem mir das aufgefallen war, habe ich mich natürlich woanders hingesetzt.
Aber immerhin, ich bin diesem Instinkt der Partnersuche (denn was anderes ist
es ja wohl nicht) auch erst einmal gefolgt. Gene eben.
So, kurze Zusammenfassung, was der Tag so gebracht
hat:
9:45 Frühstück
10:30 Rundschau runterladen und gelesen
11:30 Pool
13:00 Immer noch am Pool
14:00 Speisung
15:00 Kleiner Spaziergang (sehr klein)
15:25 Pool
17:00 Bisschen Arbeit an der Webseite der
Volksbühne
18:00 Bar
19:00 Fressen
20:00 Bar
Den Rest lassen wir jetzt mal weg.
Bei meinem „Spaziergang“ habe ich mich noch ein
bisschen mehr als Tourist eingerichtet. In den Läden vor dem Hotel habe ich
z.B. noch einen Gürtel, Größe „M“, erstanden. Die neu erstandenen kurzen Hosen
hatten nämlich einen merkwürdigen Konstruktionsfehler: Sie waren zu WEIT. Ich
hatte den Verkäufer um Größe 48 gebeten – er war sich aber sicher, dass 50 die
richtige Größe für mich wäre. Also entweder hatte ich kurzfristig extrem viel
abgenommen oder die Größentabellen zwischen Gran Canaria und Deutschland waren
nicht kompatibel. Ich vermute mal Letzteres, da ich beim Laufen in diesen neuen
Hosen etwa alle 100 Meter in der Unterhose dastand, falls ich nicht rechtzeitig
den Bund wieder unter die Bauchlinie zog. (Bitte jetzt nicht bildlich
vorstellen, die Beschreibung ist schon grässlich genug). Der neue Gürtel konnte
dieses Manko der – übrigens mit Gummibund versehenen – Markentouristenhose
beheben.
Außerdem kaufte ich mir für 14.- Euro ein Badetuch,
dass mich dazu privilegierte, auf den Liegen am Pool zu sitzen. Ohne Tuch war
das nicht gestattet. Und dann habe ich mir sogar noch Apple-Kopfhörer fürs
iPhone gekauft, um Musik hören zu können. Ich habe zwar Dutzende dieser
Ohrstöpsel zu Hause, aber eben nicht hier. Blöderweise befand sich auf meinem
iPhone nur eine Playlist fürs Weihnachtsfest. Alle anderen Titel hätte ich –
kostenpflichtig – streamen müssen. Nach ein paar Songs hatte ich genug von
Weihnachten (ich bin ja eh´ nicht hingegangen!). Die Umschaltung auf „Beats“,
einen Apple-Live-Sender, musste ich mit rund 3 Euro in 5 Minuten bezahlen. Hat
mir gar nicht gefallen. Das war es also dann wohl auch nicht. In Zukunft gehört
die Musik wieder auf das Gerät und nicht ins Internet!
Draußen auf der Showbühne quälten sich zwei Jungs
mit 80-iger Jahre-Musik ab. Die Jungs waren leider nur hübsch, aber als Musiker
überhaupt nicht gut. Das überschaubare Publikum begann zu frieren, da es am Abend
im Freien doch schnell recht kühl wurde. So war es hier auf Gran Canaria: heute
Mittag noch 26 Grad – am Abend nur noch 17. (Wie ich hörte, waren das tagsüber
noch ca. 31 Grad über den Temperaturen in Deutschland!)
Was gab es sonst noch? Zum Beispiel eine sehr
schöne Frau um die 40. Tolle Figur, gewagter Bikini, traumhaftes Outfit beim
Abendessen. Ihre Freundin war offensichtlich nicht ihre FREUNDIN. Ich war ganz
weg von ihr, obwohl ich sie nur dreimal gesehen habe: Am Pool, beim Abendessen
und am nächsten Morgen beim Frühstück auf meinem Zimmer.
OK. Die Frau gab es wirklich. Das mit dem Bikini
und dem Partyoutfit stimmt auch. Der Rest ist meiner Phantasie zuzuordnen.
Hallo, man wird doch mal träumen dürfen?
Wobei der Abend ja noch nicht zu Ende war. Eben hat
sie mich angelächelt...
Gran Canaria, 7.1.2016
...und ich habe zurück gelächelt. Das hat sie etwas
irritiert, weil sich ihr Lächeln leider auf den Typ hinter mir bezog, der sie
ebenfalls angrinste. So ein widerlich gutaussehender junger Typ aus dem
Fitnessstudio, dumm wie Brot, aber muskelbepackt. Ich hatte den schon vorher
ein paarmal am Pool balzen sehen. OK, das war´s dann eben auch nicht. Habe
immerhin noch ein Gespräch mit einer anderen Blondine und ihrer schwarzhaarigen Tochter hinbekommen, wobei
das Wort „Gespräch“ nun sehr weit hergeholt ist. Die beiden Damen kamen aus dem
Westerwald. Viel mehr weiß ich eigentlich nicht. Die Mutter sammelte viele
Sympathiepunkte, weil sie ihrer Tochter vorwarf, ein geplantes Foto nicht
hinbekommen zu haben, weil sie sich dauernd mit dem „jungen Mann“ unterhalten
habe.
She made my day. (Obwohl mich
Bäckerfachverkäuferinnen auch immer noch so ansprechen...)
Doch wir sind ja inzwischen am letzten Urlaubstag
angelangt. Um 7:45 Uhr musste ich aufstehen, um pünktlich vor einem Hotel in
der Nähe zu sein, wo die Teilnehmer zur unglaublichen Tour „Gran Canaria
Sensation“ abgeholt wurden. So ein Titel ist ein großes Versprechen, und ich
hoffte, mit dieser Tour alle Enttäuschungen ein für allemal begraben zu können,
was diese Insel betrifft. „Sensation“ klingt nach Überraschung, Einmaligem,
Sensationellem eben.
So viel vorneweg: Hat nicht geklappt.
Die Sensation war höchstens, dass unser Busfahrer
auf dieser Tour durch die Berge mit seinem Riesen-Reisebus nicht ein einziges
Mal über den Straßenrand in die Täler gekullert ist. Diese Busfahrt war das
absolute Highlight für Menschen mit Höhenangst, also wie mich zum Beispiel. Ich
war vermutlich der Einzige im Bus, der angeschnallt war. Die Sträßchen im bis
zu 2000 Meter hohen Gebirge waren breit genug für Go-Karts oder Kleinstwagen.
Aber nur in eine Richtung. Bei Gegenverkehr musste in der Regel der Schwächere
nachgeben und rückwärts in irgendwelche Ausweichbuchten fahren. Wenn sich zwei
Busse begegnen, kann das gerne mal eine halbe Stunde dauern, bis die Reise
weitergeht.
Unsere Tourleiterin machte zunächst einen sehr
sympathischen Eindruck. Bis sie das Mikrophon in die Hand nahm. Da sprach sie
plötzlich eine Oktave höher und betonte viele Silben so merkwürdig, als wäre
das erotisch gemeint. Deutsch mit so einer Kieksstimme klingt einfach nur
sensationell Scheiße. Leider wiederholte sie alle ihre auswendig gelernten
Texte auch noch in Spanisch und Englisch, sodass das Nerv-tötende Geplapper
fast durchgehend durch die Boxen plärrte. Das war Folter und sollte bestraft
werden.
Und noch etwas Perverses haben sich die
Veranstalter ausgedacht: Die ganze Zeit fuhr so ein schmieriger Videokameramann
mit Blondzopf im Bus mit. Bei allen Ein- und Ausstiegen filmte er unsere
wehrlose Truppe, um die Bilder dann über Nacht in ein vorbereitetes
Gran-Canaria-Video einzuschneiden. Ich bat ihn mehrmals, mich NICHT aufzunehmen,
aber das hat bei ihm nur ein müdes Arschgrunzen bewirkt. (Sorry für die rüde
Ausdrucksweise, aber der Typ war wirklich ekelhaft!)
35.- Euro sollte die DVD kosten. Eine VHS-Kassette
(die Älteren erinnern sich vielleicht) sollte nur 30.- Euro kosten. Die Panasonic-Kamera
sah aus wie aus dem Jahr 1980, hatte aber einen Aufkleber „Full HD“. Hihi.
Das Ergebnis hätte mich zwar aus beruflichen
Gründen interessiert, aber so weit wollte ich nicht gehen, dem Deppen auch noch
Geld hinterher zu werfen.
Was war also wirklich die „Sensation“ dieser Tour?
Der erste Foto-Stopp an einer Aussichtsplattform? Die Pippi-Pause mit
Marzipanverkauf? Der zweite Foto-Stopp an einer zweiten Aussichtsplattform? Der
30-minütige Zwangsaufenthalt in einem kleinen Dörfchen mit geschlossener
Kirche? Das lauwarme Mittagessen? Der dritte Fotostopp an einer dritten Aussichtsplattform?
Oder gar die Verkaufsveranstaltung auf einer Ayurveda-Farm?
(Beim Versuch, auf dieser Farm den Bus zu wenden,
hat unser sonst göttliche Fahrer übrigens beim Rückwärtsfahren ein paar Dellen
in den teuren Bus gerammt. Ich weiß das, weil ich vorzeitig eingestiegen bin.
Aber ich verrate es keinem!)
Schön, die ganze Insel ist schön grün. Es gibt
Unmengen von Pflanzen, Blumen, Früchten und Gemüsen. Die sieht man aber auch
bei REWE.
Wieder im Hotel, stellte ich erneut eine
Umstrukturierung der Gäste fest. So langsam war ICH der Älteste. Ganze
Kegelvereine (oder Saunaklubs, keine Ahnung) aus Schweden waren angereist. Eine
weitere, sehr hübsche Blondine saß einsam und allein im Restaurant (natürlich
auf den erhöhten Sitzen!), und die Damen aus dem Westerwald wohnten nur vier
Zimmer entfernt auf derselben Etage, wie sich herausstellte. Weitere drei Sätze
ausgetauscht. Mann, jetzt geht´s aber ab!
Nicht wirklich.
Es wird Zeit, die Taue zu kappen. Ich habe meinen
Wecker auf vier Uhr morgens gestellt. Der Flughafenzubringer ist für 4:40 Uhr
terminiert.
Zeit für ein oder zwei Gin-Tonic an der Bar. Bitte
bloß kein Wein mehr.
Da ich meine geneigten Leser nicht auch noch mit
der Rückreise langweilen will (wenn ich abstürzen sollte, ist das sicher in den
Nachrichten), bleibt also nur noch das Fazit.
FAZIT:
Gran Canaria ist eine langweilige Insel mit einem Superklima. Für Touristen, die sich einfach nur in die Sonne legen wollen, ist diese Insel perfekt. Natürlich kommt es immer darauf an, was man selbst daraus macht, aber wenn man als Alleinreisender, nicht mehr ganz so junger Mann (sic!) hier auf Anschluss oder wenigstens nette Kontakte hofft, ist man sehr aufgeschmissen. Erstens, weil die Menschen aus allen Ländern Europas kommen und sprachlich unter sich bleiben wollen. Zweitens, weil auch die ganzen Paare unter sich bleiben wollen. Und drittens, weil man hier als alter Zausel eh´ nicht mehr viel zu melden hat. Späte, aber ehrliche Einsicht.
Gran Canaria ist eine langweilige Insel mit einem Superklima. Für Touristen, die sich einfach nur in die Sonne legen wollen, ist diese Insel perfekt. Natürlich kommt es immer darauf an, was man selbst daraus macht, aber wenn man als Alleinreisender, nicht mehr ganz so junger Mann (sic!) hier auf Anschluss oder wenigstens nette Kontakte hofft, ist man sehr aufgeschmissen. Erstens, weil die Menschen aus allen Ländern Europas kommen und sprachlich unter sich bleiben wollen. Zweitens, weil auch die ganzen Paare unter sich bleiben wollen. Und drittens, weil man hier als alter Zausel eh´ nicht mehr viel zu melden hat. Späte, aber ehrliche Einsicht.
Ich sollte einem Kegelclub beitreten.
Maspalomas, den 7.1.2016
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen